Der heutige 10words Beitrag ist eine Geschichte von Dorothee K..
Ihren Text findet ihr zum einen als JPG-Datei, die das Layout der Autorin erhält und zum anderen als reine Textkopie (für den Fall, dass die Bilder schwer lesbar sind).

 

Dorothee K _ 1
Dorothee K_2
Dorothee K _3

Nun ein paar Informationen zu Werk und Autorin:

Warum nahm Dorothee K. an diesem Projekt teil?
„Ich schreibe seit einigen Jahren sehr gerne Geschichten, daher hat mich das Projekt sofort angesprochen.“

Was hat ihr daran besonders gefallen?
„Mir gefällt der Gedanke, mit anderen zusammen an einem Projekt zu arbeiten und bin wirklich auf die Ergebnisse der anderen Teilnehmer gespannt!“

Wo gab es Schwierigkeiten?
„Bei ein bis zwei Wörtern, die nicht in meinen ursprünglichen Plan ‚passten‘ … Auch habe ich mich etwas schwer mit der Entscheidung für ein Thema getan, da ich einige Ideen hatte die ich gerne umgesetzt hätte.“

Wie sahen die ersten Schritte aus?
„Brainstroming. Alles was mir in den Sinn kam wurde aufgeschrieben und nach und nach aussortiert. “

Wie lange hat Dorothee an ihrem Text gearbeitet?
„Ich habe mir mit der Entscheidung für ein Thema ziemlich viel Zeit gelassen (ca 2-3 Wochen).´Dann ging es aber eigentlich recht schnell. Ich schätze ich habe 2 Tage an dem Text gearbeitet (á 2 Stunden) und dann nochmal im Nachhinein hier und da etwas geändert.“

Was möchte uns die Autorin sonst noch über ihren Beitrag mitteilen?
„Ich wollte, dass erst ganz am Schluss klar wird, was eigentlich (mehr oder weniger) genau vor sich geht. Ich hoffe, das ist mir gelungen :-)“

 

 

Und zu guter Letzt der Text noch einmal als reine Kopie:

Dentes Canini

Anna rannte, stolperte vorwärts, fing sich aber gerade noch rechtzeitig bevor sie stürzen konnte. Sie gönnte sich und ihren Beinen, die bereits schwer wie Blei waren, keine Pause. Ihr Atem ging schwer und stoßweise, vor Anstrengung, aber auch von der aufkommenden Panik, die ihr buchstäblich langsam die Brust zuschnürte, welche sie aber bis jetzt mit mehr oder weniger großem Erfolg unterdrückt hatte.

Sie lief so schnell, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her und doch wusste sie ganz genau, dass es ihr nichts bringen würde. Sie würden sie fangen und töten … wenn sie Glück hatte.

Dennoch ließ Annas Instinkt sie nicht stehen bleiben, selbst wenn sie genau wusste, das sie zu langsam war, ganz gleich wie schnell sie laufen würde. Selbst wenn sie wusste, dass es vermutlich klüger wäre, wenn sie stehen blieb und versuchen würde zu kämpfen.

Es wenigstens versuchen würde; so gering die Chance auf einen Sieg auch war.

Der Mond, der rund und voll am Himmel stand, war durch das Blätterdach der dicht beisammen stehenden Bäume nur selten zu sehen. Doch selbst wenn der Himmel über Annas Kopf frei gewesen wäre, hätte sie wohl kein Auge für dessen Schönheit gehabt.

Sie spürte vage, dass das Gelände langsam sachte bergauf ging. Das angestrengte Schnaufen, das über ihre Lippen drang, hörte sich in ihren Ohren unnatürlich laut an. Sie selber hatte sich immer für ziemlich belastbar gehalten, doch in einem Lauf querfeldein – noch dazu mit vor Angst rasenden Gedanken – ließ ihr Körper sie nun langsam im Stich. Sie konnte sich nicht auf ihre Atmung konzentrieren, wie sie es sonst bei ihrem Lauftraining tat. Konnte sich nicht verlieren, in dem regelmäßigem trommeln ihrer Laufschuhe auf dem Asphalt der Straße, die sie jeden Morgen entlang joggte.

Als das Gelände nicht weiter anstieg, musste sie stehen bleiben.

Sie fiel seitlich gegen den Stamm eines Baumes und rang zitternd nach Luft. Das Atmen war eine Qual. Jeder Atemzug fühlte sich so an, als würde sie statt Luft zerstoßenes Glas einatmen und jedes Ausatmen, als würde ihre Lunge in Flammen stehen. Anna fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte Schweiß.

Die Hosenbeine ihrer Jeans und ihre dunkelblauen Stoffschuhe waren feucht und voller Dreck und angetrocknetem Schlamm. Ihre Vliesjacke hing ihr nur noch halb über die schmalen Schultern. Mit fahrigen Fingern zog sie sich ihre Jacke zu Recht. Ihr Blick suchte gehetzt ihre Umgebung ab.

Das Zittern wurde schlimmer. Nun, da ihr Körper langsam zur Ruhe kam, holte sie auch die Verzweiflung langsam ein. Sie war verloren. Hoffnungslos verloren. Sie würde heute Nacht sterben, auf die eine oder die andere Weise.

Tränen, heiß und beißend wie Säure, liefen ihr über die Wangen und vermischten sich mit ihrem Schweiß. Wenn sie früher jemand gefragt hatte, hatte sie immer trotzig geantwortet, dass sie lieber sterben würde, als vor den Dämonen der Welt im Staub zu kriechen. Bei dieser Erinnerung wurde es ihr zugleich heiß und kalt. Sie fühlte sich, als hätte sie alle verraten. Ihren Vater,

ihre Mutter, ihre beiden Brüder und mit ihnen gleich all’ ihre Vorfahren. Sie hatte keine Ehre. Sie war ein Feigling, wie sie schmerzlich feststellen musste.

Das aufdringliche Brennen, dass sich über die Seiten ihrer Taille zog, versuchte sie so gut es ging zu ignorieren. Seitenstiche durften sie nicht ausbremsen, auch wenn sie noch so stark waren. Anna versuchte den Schmerz wegzuatmen, wie es ihr ihr Vater gezeigt hatte, doch es half nichts. Sie fand keine Ruhe, um ihren Atem unter Kontrolle zu bringen und somit den Schmerz zu mindern.

 

Sie unterdrückte ein Schluchzen und zwang sich gerade zu stehen. Als sie es nach Sekunden, die sich wie Jahre anfühlten, endlich geschafft hatte, lief sie weiter. Erst langsam, dann zunehmend schneller werdend. Über das immer lauter werdende Rauschen in ihren Ohren hinweg, konnte sie deutlich ihren unregelmäßigen Atem hören.

Wenn sie in Bewegung war, war es leichter. Dann konnte sie diejenigen vergessen, die hinter ihr her waren.

Langsam wurde das Gelände weicher, die Bäume standen hier nicht mehr so eng und der Mond, der nun ungehinderter durch die Baumkronen leuchten konnte, hüllte den Wald in sein kühles Licht.

Annas Blick war stur geradeaus gerichtet, bis sie hinter sich ein Knacken hörte.

Sie zuckte zusammen und wäre beinahe über ihre eignen Füße gestolpert. Sie blieb stehen und hielt die Luft an. Lauschte, doch alles was sie hörte war ihr Herz, das wild gegen ihre Brust schlug und Wind, der durch die allmählich rot und gelb werdenden Blätter wehte und ihr etwas zuzuflüstern schien.

Sie durfte hier nicht stehen bleiben, sie musste weiter. Raus aus dem Wald, rein in die Stadt, wo sie eine Chance hatte unterzutauchen.

Sie stöhnte leise auf, als sie sich wieder in Bewegung setzte, nachdem sie einige Minuten steif an dem Fuße eines Baumes verharrt hatte.

Ihre Beine kribbelten unangenehm als sie die ersten Schritte tat, doch dieses Gefühl ließ rasch nach.

Anna war erst wenige Meter gelaufen, als sie ganz in ihrer Nähe Schritte hörte. Panik stieg in ihr auf, heiß und schwer.

 

Sie rannte los, Hals über Kopf flog sie beinahe über den feuchten Waldboden hinweg.

Dann trat sie ins Leere und alles begann sich zu drehen. Sie fiel, rutschte ab, flog durch die Luft, kam hart auf und rutschte dann noch einige Meter weiter bis ihr Köper schließlich erschlafft liegen blieb.

In einem Zustand zwischen Bewusstlosigkeit und Wach-Sein lag sie da. Ihr Kopf schmerzte, wie wohl so ziemlich jeder Knochen und jeder Muskel in ihrem Körper. Sie durfte nicht die Besinnung verlieren, das wäre ihr Ende. Aber dennoch konnte sie nicht leugnen, wie sehr sie sich nach der wohltuenden Schwärze sehnte, die ihr Vergessen versprach. Wo ihr die Entscheidung, ob Kampf oder Flucht, abgenommen werden würde. Doch den Gefallen tat Annas Körper ihr nicht. Der schmale Grad zwischen der Ohnmacht und dem „Hier und Jetzt“, auf dem sie vor Sekunden noch gewandelt war, verdichtete sich bis er schließlich vollends verschwand.

Der Geruch von feuchter Erde drang ihr in die Nase. Kurz überlegte sie wie es wohl wäre, wenn sie einfach liegen blieb. Hier, auf dem Waldboden, der welke Blätter und feuchtkalte Erde an ihre Wange schmiegte.

Ein Geräusch und der tief in ihr verwurzelte Überlebenstrieb ließ sie ihre Augen öffnen.

Schwerfällig richtete sie sich etwas auf und stützte sich auf ihre Unterarme. Um sie drehte sich alles, doch verschwommen konnte sie erkennen, dass sie sich nicht mehr im tiefsten Wald befand.

Sie lag am Fuße einer Böschung, die sie, wie Anna vermutete, soeben hinab gestürzt war.

Vor ihr lag eine asphaltierte Straße. Das Licht einer Ampel schimmerte leicht auf dem rauen, schwarzen Belag, der noch von dem Regenschauer feucht war, der auch ihre Kleidung einst durchnässt hatte.

Sie hatte es geschafft. Vor ihr lag die Straße, die durch das Waldstück verlief, bis diese schließlich die Stadt erreichte. Sicherheit, hallte es in einer Endlosschleife in ihrem Kopf wieder. In Sicherheit!

Mühsam richtete sie sich auf. Erst auf allen Vieren, dann kniend, hockend und schließlich stehend.

Sie wankte nach vorne auf die Straße und blieb wie angewurzelt stehen, als sie die Kegel zweier Scheinwerfer erfassten.

Annas Beine erstarrten und die junge Frau hatte gerade noch Zeit ihre Arme vor ihr Gesicht zu reißen ehe ein metallenes Krachen ertönte und sie durch die Luft flog.

Sie schmeckte Kupfer und Salz als sie auf dem harten Asphalt aufschlug …

 

2 Jahre später

Ich schrecke auf, mitten in der Handbewegung halte ich inne und verharre wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich so da sitze. Die Seite meines Buches auf meinem Schoß noch immer nur halb umgeschlagen hebe ich langsam den Kopf und schaue mich prüfend in dem kleinen Kaffeehaus um. Der Kaffee, der noch unangetastet vor mir auf dem kleinen Tisch steht, ist bereits seit einigen Stunden kalt.

Plötzlich fühle ich mich so nackt und hilflos wie schon lange nicht mehr. Der Schock über diese schon fast fremd gewordene Empfindung ergreift von mir besitz, elektrisiert mich, lässt meine Hände zittern.

Noch weiß ich nicht genau, warum ich mit einem mal so unruhig und fahrig bin. Aber was ich weiß ist, dass es in Verbindung steht mit der Nacht von vor 2 Jahren. Ich erschaudere und Scham breitet sich in meinem Innern aus, wie das unaufhaltsame Gift einer Schlange. Mein Herz, das eigentlich vor Aufregung wild schlagen sollte, tut es nicht.

Mein Name ist Anna Van Helsing, und wenn mein Urgroßvater wüsste was aus mir geworden ist, würde er mich töten …