Heute gibt’s eine Geschichte von Anne P.

Eine Kopie des Textes (ohne das Layout der Autorin) findet ihr erneut am Ende dieses Posts.

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Hier ein paar Informationen zu Werk und Autorin:

Warum hat Anne an diesem Projekt teilgenommen?

„…weil Charly mich gefragt hat :-P. Nein, ich habe schon immer gerne Geschichten und Texte geschrieben und bin gespannt was andere Menschen mit der gleichen Ausgangssituation Kreatives anstellen können.“

 

Was hat ihr daran besonders gefallen?

„Dass teilweise völlig fremde Menschen ein gemeinsames Projekt starten und sich danach gemeinsam daran erfreuen können.“

 

Wo gab es Schwierigkeiten?

„Der erste Moment, indem ich die Wörter gelesen habe und mir dachte: Oh, mein Gott! Wie sollst du denn daraus eine Geschichte stricken?!?“

 

Wie sahen die ersten Schritte aus?

„Ich habe mir alle Wörter einmal abgeschrieben, mich hingesetzt und mir überlegt in welche Richtung meine Geschichte gehen soll und was mir spontan für Assoziationen zu den Wörtern kommen. Etwas Lustiges oder Trauriges?… Dann kam die Idee nach kurzer Zeit von selbst. Nachdem ich die grobe Idee hatte, hab ich eine kurze Stichwortliste gemacht, in der ich den groben Vorgang der Geschichte umrissen habe. Dann hab ich einfach angefangen.“

 

Wie lange hat sie an ihrem Text gearbeitet?

„Ich denke, alles in allem waren es vielleicht drei Stunden. Aber ich habe nicht kontinuierlich geschrieben, sondern erst die erste Hälfte geschrieben und mich dann eine Woche später an die zweite Hälfte.“

 

Der Beitrag in einem Satz:

„Abgrundtiefe Morbidität angelehnt an eine wahre Geschichte.“

 

Und hier noch einmal der Text, falls die Schärfe der Bilder nicht ausreicht:

„Der Mond ist aufgegangen, die Sternlein strahlen hell…“, denke ich summend vor mich hin, während ich den Motor starte. Keuchend springt der Wagen an und hustet eine wabernde Abgaswolke in den roten Schein der Rücklichter. Ich lasse den Wagen einige Sekunden warm laufen, bis sich der alte Motor beruhigt hat und fast gleichmäßig läuft. Ich beobachte im Rückspiegel, wie sich die rote Wolke langsam im Dunkeln verflüchtigt. Dann lege ich den Gang ein und rolle langsam über den leeren Parkplatz des Bahnhofs. Leer. Nur Laub auf dem grauen Stein. Ich fahre auf die Ausfahrt zur Straße zu und bemerke eine Bewegung im Augenwinkel.

Im nächsten Moment stehe ich mit beiden Füßen auf der Bremse. Der Motor röchelt und erstirbt, da keiner meiner Füße noch auf der Kupplung steht. Ich starre hinaus in die Lichtkegel der Frontscheinwerfer. Etwas trippelt vor mir am Auto vorbei. Eine große Maus oder vielleicht eine Ratte. Erst jetzt merke ich, dass ich die Luft angehalten habe. Nichts passiert, denke ich, kein Grund zur Panik. Ich versuche tief durchzuatmen und löse meine verkrampften Finger ein wenig vom Lenkrad. Mein Herz schlägt so schnell und heftig, dass ich jede Bewegung des kontraktierenden Muskel in meinem Kopf höre. Vage Bilder von nassen Gleisen und zuckenden Warnlichtern springen meinen Hinterkopf an. Ich versuche sie beiseite zu schieben bevor sie ihre langen Finger in meinen Nacken bohren und sich dort einnisten können. Ich schaffe es nur fast. Noch einmal starte ich den protestierenden Motor und fahre bis zur nächsten Ampel. Sie steht auf rot. Rot wie Warnlichter, rot wie der Regionalzug, rot wie…Nein!, denke ich.

Nach dem Schock war die Taubheit gekommen und mit der Taubheit die Schlaflosigkeit. „Nehmen sie diese für die Nacht und diese für den Tag.“, hatte der Arzt gesagt, als er mir zwei Rezepte ausstellte. „Posttraumatische Belastungsstörung – ganz normal in Ihrem Fall, aber das kriegen wir schon wieder hin. Nehmen Sie die Tabletten, dann geht es Ihnen bald besser.“ Ein Jahr Therapie, ein Jahr lang dumme Gespräche, die alle mit dem Satz begannen:„Und, wie geht es uns denn heute?“ Die Kollegen hatten schon angefangen darüber zu reden. Ich habe es in ihren Gesichtern gesehen. Diesen Blick, wie in einem dieser Albträume, indem man ohne Kleidung in einem vollen Raum steht. Alle wissen Bescheid und sind nur zu höflich etwas zu sagen und man selbst hält auch nur noch die Fassade aufrecht. Komplette seelische Nacktheit. „Herr Schmidt, wenn Sie noch weitere Therapien benötigen, müssen wir uns Gedanken machen, ob Sie für Ihren Job noch belastbar genug sind.“, hatte mein Chef bei einem vertraulichen Gespräch gesagt. Er hat mich bei meiner Ehre packen wollen, sagte mir, ich solle mich nicht so anstellen. In Wirklichkeit hatte aber nur meine Scham dazu geführt, dass ich die Therapie danach abgebrochen habe. Habe mir eingeredet, es ginge auch so. Und jetzt? Zwei Jahre später und ich nehme die Tabletten immer noch. Sie machen mich taub und hohl. Wie die Esskastanie am Bahnhof. Von außen wirkt sie normal und gesund, aber nimmt man sich im Herbst eine ihrer Früchte, merkt man, dass sie alle leer sind. Nur eine Hülle.

Rot. Ich hatte doch extra noch einmal auf die Anzeige geschaut. Alle Bahnschranken waren ordnungsgemäß nach unten gefahren worden. Ich war mit dem Zug langsamer geworden, als ich durch den kleinen Bahnhof fuhr. Um etwas Zeit gut zu machen, nachdem der Zug im letzten Bahnhof ‚wegen Schwierigkeiten im Betriebsablauf’ zehn Minuten gestanden hatte, erhöhte ich die Geschwindigkeit, als der Zug den Bahnhof so gut wie verlassen hatte. Nur noch an einem stehenden Güterzug und der letzten Schranke vorbei. Ich hatte weiter beschleunigt. Dann eine Bewegung in meinem Augenwinkel.

Diejenigen Menschen, die sagen sie würden bei einem nahenden Unfall alles in Zeitlupe sehen, sind Lügner. Wenn ich sie hätte kommen sehen, hätte ich wenigstens versuchen können zu bremsen. Aber das habe ich nicht. Sie war einfach zwischen den Güterwaggons hervorgeschossen gekommen. Und war wie ein großes Insekt auf der Scheibe des Antriebwagens zerplatzt. Rot. Ich habe ihren zerschmetterten Körper buchstäblich vom Blech abrutschen hören können. Ein schmieriger Laut, der mir in der Erinnerung immer noch die Galle hochtreibt. Ich schlucke hart.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass der Zug stand. Einige- nein, viele Meter weiter. „Was…?“ Ich habe gezittert, habe kaum die Taste für den Funk getroffen. Die Verbindung zur Leitstelle hatte gerauscht und geknackt. Ich habe nur auf die Scheibe gestarrt.

Später stand in der Zeitung, die Joggerin hätte vermutlich gedacht, dass die Schranken wegen des stehenden Güterzuges heruntergelassen worden waren. Aufgrund ihrer Kopfhörer hatte sie den Zug nicht kommen hören. Ich lasse die Kupplung kommen und fahre an. Die Kreuzung ist leer und die Ampel bereits wieder auf rot gesprungen.