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10 Wörter – 1000 Geschichten

Das Ende einer Ampel – Malte

Hey ihr Lieben,
heute folgt noch ein Nachzügler. Falls ihr auch einen Text habt, den ihr nun unabhängig vom Gewinnspiel veröffentlichen möchtet, dürft ihr ihn gern noch Einsenden – denn die Arbeit sollte doch auf jeden Fall belohnt werden!

Nun freut euch also auf ein literarisches Schmankerl von Malte!

Malte.jpg

Um den Beitrag als PDF herunterzuladen klickt auf den folgenden Link:

Das Ende einer Ampel – Malte

und hier findet ihr noch einmal den reinen Text:

Das Ende einer Ampel
Belastbar regelte sie die Verbindungen der zwei Hauptstraßen.
Es war ihr stets eine Ehre.
Ach, was hatte sie nicht schon alles gesehen!
Doch in dieser Nacht, der Mond schien hell, war der Schock besonders groß, als das Abrutschen des
nackten Fußes von der Bremse eines Fahranfängers zur Folge hatte, dass der Kleinwagen mit aller
Gewalt gegen sie prallte.
Voll Scham dachte sie noch, dass es doch wohl nicht wahr sein durfte, dass ein so kleines Auto sie
nun umwarf und sie dazu brachte ihre Kreuzung buchstäblich zu kreuzen.
Der Nacktheit eines Schweißfußes hatte sie nun ihr Ende zu verdanken – nach all den Jahren!
Du sollst nicht barfuß fahren!
Das Ende einer Ampel

Siegerehrung! Herzlichen Glückwunsch!

Es ist soweit! Unser 10words Projekt findet heute sein Ende.
Das bedeutet wir haben einen Sieger!
Wir gratulieren ganz herzlich:
1. Platz Joscha M.
2. Platz Claudius Reimann
3. Platz Dorothee K.
 SiegertreppchenkurzerbodenErgebnisVote
Für den ersten Platz gibt es den 20€ Gutschein per Mail.
Danke auch nochmal an alle, die an dem Projekt teilgenommen haben, und uns mit ihren Beiträgen begeistert haben. Wir hoffen, dass es euch ebenso gut gefallen hat wie uns und dass wir euch auch im nächsten Durchgang des 10word Projekts wieder an Bord begrüßen dürfen!
Über ein abschließendes Feedback, besonders im Hinblick auf einen zweiten Durchgang, würden wir uns sehr freuen.
Bis bald,
euer 10words Team.

Wählt euren Favoriten!

Zum Abschluss des 10words Projekts ist es jetzt an der Zeit, für euren Favoriten abzustimmen.
Dazu klickt bitte auf diesen Link:

http://strawpoll.me/6527492

Abstimmen könnt ihr bis zum 20.01.2016.

Den Gewinner erwartet ein Amazon-Gutschein.

Es hat uns viel Freude bereitet dieses Projekt mit eurer Hilfe auf die Beine zu stellen – und die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen! Falls ihr noch Lust habt uns abschließend ein kurzes Feedback zu geben, würden wir uns darüber sehr freuen! Uns interessiert es insbesondere, ob ihr bei einem Nachfolger des Projekts erneut teilnehmen würdet – denn hierzu gibt es bereits Ideen! 🙂

Alle Beiträge zum Download!

Da es einige Probleme mit dem Hochladen der Dateien gab und wir so auf das z.T. unscharfe JPG.-Format zurückgreifen mussten, findet ihr hier nun alle Beiträge zum Herunterladen als PDF-Version.

Damit könnt ihr euch die Werke noch einmal zu Gemüte führen, bis dann im neuen Jahr unsere Abstimmung beginnen wird.

Falls ihr alle Dateien auf einmal herunterladen möchtet, klickt einfach hier.

Um die jeweilige Datei herunterzuladen müsst ihr einfach auf die folgenden Links klicken:

Verbunden-ChristianG

Dentes Canini-DoroK

BUchStabEnSuqPe-ClaudiusReimann

10Words-AnneP

Reden kann helfen-TanjaK

Auschnitt aus dem Tagebuch-JoschaM

Aufregende Liebe aus der Provinz-Esra

Abgedrehte Geschichte aus der dunkelsten Ecke des menschlichen Verstandes-PatriziaS

Zwischen den Wellen-CarinaG

Schluss mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr-CarinaH

English Contribution-JanW

Feierabend-MarionS

Gedankenschnitt von Charly

10Words-JohannP

10words-GeorgD

Zehn Wörter I und II-RitaT

Buchstäblich-KlausZ

 

„Buchstäblich“ – Klaus Z.

Die Kopie des Textes findet ihr wie gewohnt unter den Beitrag 🙂
10 Wörter 'Buchstäblich'110 Wörter 'Buchstäblich'210 Wörter 'Buchstäblich'310 Wörter 'Buchstäblich'410 Wörter 'Buchstäblich'5Hier ein paar Informationen zu Werk und Autor:

Warum hat Klaus an diesem Projekt teilgenommen?

„Aus Lust und Laune“

 

Was hat ihm daran besonders gefallen?

„alles“

 

Wie sahen die ersten Schritte aus?

„Liegen lassen“

 

Wie lange hat er an seinem Text gearbeitet?

„reine Schreibarbeit: 4-5 Tage“

 

Unter hier noch einmal der Text als Kopie:

Buchstäblich

Wo er war, als er zu sich kam, wusste Jott nicht. Er wusste nicht einmal, dass er zu sich kam. Die Augen verklebt, die Lider, kleine, schwere Mehlkissen. Seine Kraft sie zu heben schien kaum auszureichen. Das Bild flackerte, stellte sich nicht klar. Durch die schlierigen Schlitze sah er hoch über sich einen Galgen, an dem drei Lampions hingen – grün, gelb, rot. Weit darüber, hinter fliehenden Wolkenfetzen, der knochenbleiche Mond. Plötzlich und von überall her schossen weißstrahlenden Schmerzen in seinen Kopf und schweißten seine Lider wieder zu.

Er konnte sich nicht erinnern, wie er ins Auto hinein, wohl aber, wie er hinaus gelangt war. Sie hatten ihn bei voller Fahrt durch die offene Tür getreten. Der schwarzfeuchte Asphalt war rasend schnell auf ihn zugestürzt und hatte sich nach dem Aufprall mit unverminderter Geschwindigkeit unter ihm abgespult wie ein Zelluloidstreifen. Den stechenden Schmerz hatte er erst gespürt, als die Asphaltspule mit einem Ruck zum Stehen kam, sein Körper aber noch weiter rollte, bis er hart an den Bordstein schlug. Jähe Schwärze. Der Film gerissen. Die ganze Welt ausgelöscht. Keine Verbindung mehr mit sich.

Mühsam hob er den Kopf und sah wie die Fahrbahn vor ihm sich aufzurichten begann zu einer glatten, schwarzen Wand. Jetzt nicht nur nicht abrutschen, dachte er, krall dich am Bordstein fest, bohr die Finger in die Fugen! Aber wo war seine Hand? Oben bleiben, dachte er, oben bleiben, bis sie durch ist. Aber da war sie schon, zog vom Nacken bis zur Stirn durch seinen Kopf, rollte gleichgültig durch ihn hindurch und über ihn hinweg, nahm ihn mit sich wie eine von den Fäden geschnittene Gliederpuppe, drehte ihm den Magen auf links, drängte aus Mund und Nase hinaus und legte ihn ebenso achtlos wie sie ihn genommen hatte im Rinnstein ab.

Dass er wieder aufgetaucht war, merkte Jott erst nach einer Weile. Sein Kopf schien lange Zeit nie dort zu sein, wo er  ihn vermutete. Der Film lief ruckelnd wieder an. Er sah Bilder, er sah Buchstaben und Wörter, er hörte abgerissene Sätze. Erinnerungen zogen durch seinen Kopf wie Wolkenfetzen über den Himmel. Passwörter! Es war um Passwörter gegangen. Zweimal die Zahl zehn, das hatte er sich eingeprägt. Zehn Wörter bis zum zehnten Dezember – das war der Deal gewesen. Deal? Ein zu schönes Wort. Bei Licht besehen, war es eine sehr einseitige Sache gewesen. Er hatte sich darauf eingelassen, einlassen müssen, wie er glaubte. Was sie gegen ihn in der Hand hatten, reichte aus, um zwei Leben zu zerstören. Und ihm waren ohnehin nur die traurigen Reste eines einzigen geblieben. Und vielleicht das von Ana. Aber da konnte er nicht sicher sein?

Alles war glatt gelaufen, so reibungslos, dass er, gegen alle seine Vorsätze, wieder zu hoffen begonnen hatte, auf einen neuen Anfang, mit ihr, die er noch vor vier Wochen Frau Gramm genannt und nicht im Traum daran gedachte hatte, dass sie in seiner Gegenwart auch nur ihre Brille absetzen würde, ein neuer Anfang, irgendwo, wo Vergangenheit nur ein Wort mit dreizehn Buchstaben und vier Silben sein würde, die nichts bedeuteten.

Neun Wörter hatte er geliefert und mit jedem war die Hoffnung stärker geworden, so stark, dass er sich selbst zur Ordnung rufen musste. Halt den Ball flach, hatte er sich gemahnt, aber nicht zu ins Hoffen zu geraten war schwer, wenn es doch ein Kinderspiel zu sein schien, an das zehnte, das letzte Passwort heranzukommen. Er hatte es ja bereits vor Augen gehabt. Während der Teambesprechung war das orangefarbene Blatt an ihm vorbei an Fau, der als Security-Manager die Sitzung leitete, weitergereicht worden. Er hätte es in die Hand nehmen müssen, um es zu überfliegen und das Wort zu identifizieren, aber dann hätte er auch gleich ein freiwilliges Geständnis ablegen und sich selbst Handschellen anlegen können.

Es war jedoch alles andere als ein Kinderspiel geworden. Er hatte die Liste in einem Zustand wiedergefunden, der ihm – gelinde gesagt – einen Schock versetzte: zerfetzt in kleinste orangenfarbene Teilchen, nicht nur der Länge, sondern auch der Breite nach, untrennbar vermischt mit unzähligen Schnipseln weißen Papiers im High-Tech-Reißwolf von Fau.

Ruhig, ruhig, ruhig, hatte er sich panisch zugeflüstert, während ihm der Schweiß gleichzeitig aus allen Poren des Körpers trat und seine Hände zu flattern begannen. Fau war pinkeln gegangen und würde sich, wenn er sein Muster nicht änderte, in der Cafeteria noch einen Kaffee holen. Wie auch immer – mehr als eine Minute war Jott kaum geblieben. Ohne zu überlegen hatte er seinen Gürtel geöffnet, den Reißverschluss heruntergezogen und sich fünf, sechs Hände voll dieser Schnipsel in die Unterhose gestopft, in der Hoffnung alle orangefarbenen erwischt zu haben.

Ungesehen hatte er das Büro, fast unbemerkt das Gebäude verlassen. Das Gespräch der beiden Frauen, die ihn beim Betreten der Aufzugskabine routiniert-beiläufig einem Ganzkörperscan unterzogen hatten, war nur unmerklich ins Stolpern geraten, während sich im Blick des Security-Mannes im Foyer, der den kurz geschorenen Schädel schon abgewendet, die Bewegung dann aber rückgängig gemacht hatte, Bewunderung und Gier ununterscheidbar vermischt hatten, als hätte er gerade über seinen Kopfhörer den Befehl „Zugriff!“ erhalten. Nacktheit liegt im Auge des Betrachters, hätte Jott, der sich unter diesen Blicken mehr als bloß nackt gefühlt hatte, denken können. Aber auch, wenn er diesen Gedanken in diesem Augenblick – wie so viele andere – nicht dachte, nicht denken konnte, musste er doch nicht fürchten rot zu werden, denn seine Angst war so groß, dass sie ihm gerade noch Raum ließ, das Peinliche der Situation wahrzunehmen, nicht aber sich für sie zu schämen.

An seinem Küchentisch hatte er sich dann drei Stunden später eingestehen müssen, dass die dicke Hose und das überschaubare Aufsehen, das sie erregt hatte, die einzige von ihm ausgelöste Sensation des Tages gewesen war und bleiben würde. Die Listenfetzchen anhand ihrer Farbe zu isolieren, war möglich gewesen, sie zu rekonstruieren, nicht. Einzelne Buchstaben hatte er vor sich liegen, die vielleicht zusammengehört hatten oder haben konnten. Aber in welcher Kombination?

TEN-SWORD-COMPANY –
TED R. SNOW
DISTRIKTLEITER
NORDWEST

Er hatte nur raten können und sich schließlich, ohne wirklich überzeugt zu sein, auf ein Wort festgelegt. Welche Wahl blieb ihm? Fürs weitere Sortieren der Fetzchen war er zu fahrig und seine Finger zu schwitzig gewesen, für weiteres Nachdenken hatte ihm schließlich die Zeit gefehlt. Die Frist war unwiderruflich verstrichen, es war Liefertermin. Eine Verlängerung hätte es nicht geben. Und wenn er nicht zu ihnen gekommen wäre, wären sie zu ihm gekommen. Ana hätte erfahren, was er so lange vor ihr hatte verbergen können, und die Zeit, die ihm dann noch geblieben wäre, hätte mit Sicherheit nicht ausgereicht, um auch nur ein einziges Wort, gleich welches, vollständig und verständlich auszusprechen. Die Erinnerung an den Moment, als er die Visitenkarte des „Distriktleiters“ las, an den kurzen, scharfen Phantomschmerz im Nacken und das Gefühl, als steckten seine Füße in Eisblöcken, die nie mehr auftauen würden, diese Erinnerung hatte es ihm bedeutend gesünder erscheinen lassen, diese Company ernst zu nehmen und nicht auch nur eine Nanosekunde über den, für eine halbe Ewigkeit laminierten, Numerusfehler zu lächeln.

Grammatik interessierte die einen Dreck, die suchten keine fehlerlosen Sätze, die brauchten bloße 10 einzelne, zufällige und zusammenhanglose, aber sehr mächtige Wörter, buchstäblich Schlüsselbegriffe, die ihnen helfen würden, das Tor zum großen Geld zu öffnen und seine Flügel ganz weit aufzustoßen.

Jetzt schickte ihm sein Gedächtnis in kürzeren Abständen Bild um Bild, Ton um Ton und Geruch um Geruch nach oben. Und unter diesen war einer, der mit dem Begriff Geruch nicht mehr zu fassen. Es war der Gestank des Typen, der sich ihm lautlos in seinem Rücken genähert hatte, eine faulige Ausdünstung, in der alte, sehr alte Frittüre eine dominante Rolle spielte und die sich wie eine schmutzige Fettschicht auf Jotts Haut, Lippen und Zunge legte und ihm den Atem nahm.

„Spuck’s aus,“ hatte der Typ tonlos gezischt, „und dreh dich nicht um!“.

„‚Lampe’! Das zehnte Wort ist ‚Lampe’!“  hatte Jott hastiger als er wollte und mit belegter Stimme geantwortet.

Der Typ hinter ihm hatte wiederholt „Lampe, also,“ und weiter: „Er sagt ‚Lampe’,“ und „Ich warte“, und dann  „Hmm, ja, ja, is’ klar!“ Er hatte einen verächtlichen Ton ausgestoßen, seinen oberschenkeldicken linken Arm um Jotts Hals und seine schwere Hand auf seine rechte Schulter gelegt. „Daneben!“, hatte er fast von innerhalb seines Gehörgangs geflüstert. „Du hast noch einen Versuch. Einen!“

Jott hatte gewünscht, der Typ hätte wenigstens auf die Zwiebeln im Mett verzichtet oder auf das Bier, am besten auf beides, doch die Zeit, sich etwas zu wünschen, war für ihn vorbei gewesen, wenn er sie denn je gehabt hatte. Dieser übelriechende Typ konnte alles essen und ihn so lange wie er wollte an seinen Körpergerüchen teilhaben lassen.

Jotts Gehirnaktivität war längst in den Zustand panischer Beschleunigung übergegangen. Buchstabenkolonnen, Silbenreihen, Worthaufen und sogar Bilder jagten an seinem inneren Auge vorbei, Bilder, Symbole, Farben in drei Spuren nebeneinander, wie die Rädchen in einem einarmigen Banditen, so schnell, dass die Motive nicht mehr zu erkennen waren, bis sie in ihrer rasenden Umdrehung jäh gestoppt wurden. Drei Farben: Rot – Gelb – Grün. Die Flagge von Bolivien! Nein! Falsche Fährte! Ein kleines b., ein großes V. hatte er in der trockenen Buchstabensuppe gefunden, aber kein großes B, kein kleines v.

Die Rädchen hatten sich schon wieder in Bewegung gesetzt und rotierten, als wollten sie sich selbst überholen, der Typ hinter ihm hatte sehr vernehmlich mehrere Liter frische Luft eingesogen und war kurz davor, sie durch und durch verpestet wieder auszustoßen, die Rädchen liefen leer und schienen durchzudrehen, da hatte etwas – was? – , jemand – wer? – in die Speichen und gegriffen und die Maschine gezwungen stillzustehen: Dattel – Dattel – Dattel, drei Datteln nebeneinander! Volltreffer! „Palme“ hatte Jott geschrieen und dann gedacht: Bitte, lieber Gott, bitte!

Aber Gott hatte es offensichtlich vorgezogen, sich nicht einzumischen! Kein Treffer. „Ok, das war’s dann für dich!“ hatte der Typ in Jotts Ohr gezischt, sein Handy zugeklappt und weggesteckt, seine Hand wie eine stählerne Zange geschlossen, ihn an der Schulter herumgerissen, und seine rechte Faust ungehindert und sehr tief in Jotts Magen gebohrt. Einem physikalischen Gesetz folgend hatte Jotts Mageninhalt mit fast der gleichen Energie hatte einen Ausweg aus der plötzlichen Enge zu finden versucht. „Untersteh dich!“, hatte der Typ ihn angeblafft und war vorsichtshalber zwei Schritte zurückgetreten, um – merkwürdig, was man in Momenten wie diesen wahrnimmt – seine blauen Velourslederschuhe in Sicherheit zu bringen.

Als Jott sich wieder aufrichtete, schaute er direkt in das Gesicht des Typen. Es sah interessanterweise überhaupt nicht so aus, wie sein Besitzer roch, und unterschied sich beispielsweise – merkwürdig, auf welche Ideen man in Momenten wie diesen kommt – kaum von dem eines seriösen Versuchsleiters, der seinem Probanden am Ende der Testreihe „Magenresilienz“ in nüchternem Ton mitteilen musste, dass er – leider – nicht bestanden habe: „0 Punkte = nicht belastbar.

Maple“, hatte jetzt nicht Jott selbst, sondern etwas in ihm seinem Mageninhalt hinterhergehustet. Die Assoziationsmaschine hatte drei Ahornblätter ausgewählt und zitternd nebeneinander zum Halt kommen lassen. Noch einmal vernahm Jott, als wäre es nicht er selber, der da sprach, ein leise gehustetes, schwach nach Blut schmeckendes „Maple“. Sein Unbewussten, das seinen Sitz offensichtlich nicht in der Magengegend gehabt haben konnte, war sich sehr bewusst darüber gewesen, was auf dem Spiel stand und hatte unbeirrt weiter gearbeitet. Aber im selben Moment, als das Wort Maple über seine Lippen kam, war Jott schon klar gewesen, dass dies der berühmte Strohhalm war, an dem man sich nur klammern, der einen aber nicht über Wasser halten würde. Und selbst wenn er Englisch hätte verstehen können, würde der Stinker ihm keine Zeit lassen zu erklären, dass das, was er da gehört hatte, ein Wort war. Und schon diesen Gedanke hatte Jott nicht mehr zu Ende denken können, weil ein Faustschlag ihn vor dem zweiten eingeschobenen Nebensatz hatte explodieren lassen.

Der Regen hatte wieder begonnen, durchsetzt mit großen, nassen Schneeflocken. Grauweiße Schleier trieben schräg über die Straße. Jott war wieder aus seinem Dunkel aufgetaucht. Sein Kopf lag jetzt leicht nach links geneigt im Rinnstein. Er schaute an sich hinunter und entdeckte etwas, was wie eine Hand aussah. Sie schien sich zu bewegen, aber er hatte nicht das Gefühl, damit etwas zu tun zu haben. Und noch etwas anderes irritierte ihn. Der Abstand zwischen zwei Fingern dieser Hand schien ihm zu groß groß. Er fing an zu zählen, kam aber nur bis vier. Er dachte „Daumen“, er dachte „Zeigefinger“, er dachte „Ringfinger“, er dachte „kleiner Finger“. Er wusste, da war noch ein anderer Finger und ein eigenes Wort für ihn, es waren doch immer fünf gewesen, die er, wenn es denn seine Hand war, gehabt hatte und zwar vermutlich nicht erst seit er denken konnte. Fünf, wie jeder andere Mensch auch. Und zwei mal fünf macht zehn. Zehn Finger. Zehn Worte.

Aber jetzt brauchte er, wie es schien, kein weiteres Wort für seine Finger mehr, nur noch die vier, die ihm eingefallen waren. Mit dem Finger ist auch das Wort verschwunden, dachte er und fand, dass daran etwas Tröstliches war.

Und noch ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf (wer hatte ihn abgefeuert und von wo?): er würde in Zukunft niemandes Ehre mehr beleidigen können, dafür reichten die vier Finger nicht. Ob die Welt dadurch eine bessere würde, hätte er nicht zu sagen gewusst. Aber es war auch nicht sehr wahrscheinlich, dass er danach noch einmal gefragt werden würde. Die Vorstellung, er könnte noch über eine weitere Hand verfügen, lag in diesem Moment so weit jenseits seines Vorstellungshorizonts wie Amerika für Bjarne Herjolfsson.

Als Jott wieder an sich herab sah, ging ihm auf, dass wie zum Hohn ausgerechnet der Ringfinger geblieben war, der jetzt zum überflüssigsten von allen geworden war, das zynische Mahnmal seiner Schande, seines Scheiterns. Nie würde dieser Finger Anas Ring tragen, niemals würde sie seine Frau werden, niemals seinen Namen tragen. Sie würde ihn vergessen wie einen schlechten Traum und er brauchte nicht lange zu suchen, um den zu finden, der ihre Liebe und sein ganzes Leben so gründlich und unwiderruflich vor die Wand gefahren hatte. Er. Hatte. Es. Verbockt. Er und niemand anderes.

Scham steigt heiß in ihm auf, hat jetzt den Raum, den sie braucht und füllt ihn ganz aus. Sein Kopf sinkt zurück, die Flocken fallen auf seine Stirn und schmelzen im selben Moment, das Regenwasser strömt an seiner Schläfe vorbei, durch sein herunterhängendes Haar, um im gleichmütigen, leicht anschwellenden Rauschen der Kanalisation aufzugehen. Über sich sieht er den roten und grünen Lampion verlöschen und nur noch den gelben in gleichförmigem Rhythmus blinken. Seine Augen fallen wieder zu, hinter den Lidern pulsiert das gelbe Licht wie ein schwaches Echo weiter, im Rinnstein vermischen sich Wasser und Schlieren von Blut. Ihm ist, als sehe er Wörter vor seinen Augen vorbeiziehen, zehn Wörter, von denen eines stehen bleibt wie in einem falsch eingelegten, ruckelnden Film, lang genug, um es zu anzusehen, zu kurz, um es auszusprechen. Es scheint, als lächele er, als bewege er seine Lippen, als sage er etwas, ohne es zu wissen, und ohne dass jemand, und wenn er sich noch so tief zu ihm hinabbeugen würde, etwas verstehen könnte.

„Ten Words“ von Georg D.

Georg D. mit „Ten Words“:

 

GeorgD.JPG

 

Hier ein paar Informationen zu Werk und Autor:

Warum hat Georg an diesem Projekt teilgenommen?

„Spaß an Wortspielen“

 

Was hat ihm daran besonders gefallen?

„aus Bauklötzen etwas Schönes zu machen“

 

Wo gab es Schwierigkeiten?

„zu viele Nomen, nur ein Verb“

 

Wie sahen die ersten Schritte aus?

„sortieren nach Wortarten“

 

Wie lange hat er an seinem Text gearbeitet?

„1,5 Stunden“

 

Der Beitrag in einem Satz:

„freundliches Chaos trifft auf Regelwerk.“

 

Und wie immer der Text als Kopie:

Ten Words

by Georg D.

 

Ruhig steht Mond über Ampel:

Habe die Ehre, gnädige Frau,

Stört Sie meine Nacktheit?

Ich weiß nicht so recht…

Rot vor Scham:

Zwischen uns wäre eine

Verbindung kaum belastbar.

 

O, welch ein Schock!

Weint : Wir sind doch beide

Lampe, liebe Ampel, oder?

Sie: Naja, buchstäblich nur ich;

Aber wir wollen nicht abrutschen

In solche Spitzfindigkeiten!

Lacht und wird grün.

„10 Wörter I und II“ von Rita T

Heute zum Feste ein zweiteiliges Gedicht: „10 Wörter I und II“ von Rita T.

Euch allen frohe Weihnachten! 🙂

RitaT

Hier ein paar Informationen zu Werk und Autorin:

Warum hat Rita an diesem Projekt teilgenommen?

„aus Spaß“

 

Was hat ihr daran besonders gefallen?

„mit Sprache zu spielen“

 

Wo gab es Schwierigkeiten?

„bei der Form; Wörtergehalt“

 

Wie sahen die ersten Schritte aus?

„ich habe mir eine Form und eine Struktur überlegt“

 

Wie lange hat sie an ihrem Text gearbeitet?

„Über einige Tage immer mal wieder“

 

Der Beitrag in einem Satz:

„ein Gedicht mit mehreren Strophen“

 

Was möchte uns Rita sonst noch über ihr Werk mitteilen?

„ich kann gar nicht sagen, wie der Text rüberkommt, habe gar keine Distanz mehr nach dem Schreiben. Das würde mich aber interessieren.“

 

Und hier noch einmal das Gedicht als Kopie:

I An der Ampel

Achtung, rutsch nicht ab!

Da, pass auf, die Ampel!

Sei mehr belastbar!

Ja, buchstäblich – JA!

Ehre nur, wem Ehre gebührt!

 

Ach, du guter Mond!

Bloß keine Nacktheit !

Und jetzt keine Scham!

Was für ein Schock!

Verbinde, verbinde!

 

II An den Mond

Warum abrutschen? Wer will schon abrutschen?

Und wo? Schon lieber runterrutschen. Den Buckel.

Von wem? Was ist passiert?

Was, eine Ampel? Auf Rot. Unterbrechung des Verkehrs. Wann?

 

Belastbar, wer? Ich? Für wen? Soll ich das?

Was heißt schon buchstäblich? Muss du so konkret sein?

Ehre,  – meine oder deine? Was für ein Wort.

Du lieber Mond,  – warum?

 

Warum nicht nackt? Weil es kalt ist?

Meinst du Scham? Oder schamlos?

Ein Schock- wirklich? Wie kann das sein?

Tiefe, Verbindung. Gibt es sie?

 

Erst seit September. Für kurze Zeit.

Eine Gleichung von Johann P.

Heut wird’s mathematisch:

JohannJmit
Johann P.

„Gedankenschnitt“ von Charly

Die ist unser letzter Beitrag, der auch auf Facebook gepostet wird. Die nächsten findet ihr auf Wunsch der Autoren nur noch hier, auf unserem Blog.
Heute also ein Beitrag von Charly.

10WordsC-viceversa10WordsC-viceversa
Hier ein paar Informationen zu Werk und Autorin:
Warum hat Charly an diesem Projekt teilgenommen?
„Um das kreative Chaos in meinem Kopf herauszulassen…:-D – nun ist das Chaos auf dem Papier!:-D“
 
Was hat ihr daran besonders gefallen?
„Kreative Freiheiten.“
Wo gab es Schwierigkeiten?
„Sich für eine Form zu entscheiden. Möchte ich eine Geschichte schreiben? Einen Zeitungsartikel? Einen Tagebucheintrag?… Oder mich einfach austoben?“
 
Wie sahen die ersten Schritte aus?
„Alle Gedanken auf’s Papier bringen. Dabei ist es dann auch geblieben :-D.“
Wie lange hat er an seinem Text gearbeitet?
„ein paar Stunden“
Der Beitrag in einem Satz:
„Postmoderne Gedankenschnitte.“
Was möchte uns Charly sonst noch über ihr Werk mitteilen?
„Hat Spaß gemacht :-D!“

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